Zwischen Büchern warten

Nach der Mittagszeit ist es ruhig. Hinter dem Verkaufstresen ist ein Mann damit beschäftigt, Listen durchzugehen. Eine Frau steht ganz oben auf der Leiter und räumt ein Regal auf. Ich stelle mich vor und frage sie nach meiner Verabredung. Sie geht hinten nachsehen, ob die Chefin schon da ist und bittet mich, einen Moment zu warten. Zwischen Büchern warte ich gern.

Uckermark_Karte-01

Da steht “Vor dem Fest“ neben dem Wegbegleiter durch die Uckermark, ein Uckermark-Krimi Buchdeckel an Buchdeckel mit uckermärkischen Sagen, Rezepten und Radwanderkarten. Ein Brodowiner Gartenbuch. Das Schloss in Boitzenburg. Wieder Ehm Welk, der sogar antiquarisch. Eine waghalsige Zusammenstellung. Die geht nur hier, und hier ist sie richtig. Fast ein Viertel des Buchladens wird durch ein Stück Landschaft zusammengehalten. 3058 Quadratkilometer. Einen Band mit Fotografien betrachte ich lange. Liebeserklärungen in schwarzweiß. Frank Günther heißt der Fotograf. Porträts in der Tradition von August Sander, Landschaften wie bei Hans van der Meer. Es sieht aus, als hätte er sich eine ganz ähnliche Frage gestellt wie ich. Wie ist es, hier zu leben? Ganz gut, wenn du dir Mühe gibst, lese ich in seinen Bildern.

Ich blättere durch Kalender mit regionalen Motiven. Für das Wohnen mit Heimatkalender habe ich lange gebraucht. Als Berliner Hipster nagelt man sich ja eher ein Geweih in den Flur und hängt die Jacke dran auf. Aber Rehfotos? Nee. Der Mann hat sich Waldseen über seinen Schreibtisch gehängt, mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der er eine gemütliche Trainingshose anzieht, um Sport zu kucken. Weil ihm schon immer ganz gleichgültig war, wie andere Menschen Trainingshosen und Heimatkalender finden this website. Ich verstehe, während ich im davor stehe, dass Heimatkalender eine Aufgabe haben. Ich möchte mich mit meiner Gegend beschäftigen, weil sie mich beschäftigt. Das ist nichts Großes. So, wie ich mich befremdet fühle, wenn die Bratkartoffeln zu fein geschnitten sind, fühle ich Heimat angesichts eines Sandweges voller Pfützen. Gewohnheit. So ein bißchen hingeschlamperte Liebe.

Zwei Bücher suche ich mir aus. Beide hätte ich in keiner einzigen Berliner Buchhandlung gefunden. Die stehen da einfach nicht. Unsichtbare Bücher sind eine schwer handelbare Ware. Es ist gut, dass es das hier gibt. Und die Heimatkalender. Die Buchhändlerin hat jetzt Zeit für mich. Neugierig steige ich hinter ihr die Treppe herauf.

Nach der Mittagszeit ist es ruhig. Hinter dem Verkaufstresen ist ein Mann damit beschäftigt, Listen durchzugehen. Eine Frau steht ganz oben auf der Leiter und räumt ein Regal auf. Ich…

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